Prof. Dr.Nils Büttner AB OVO
Zwischen der naturwissenschaftlichen Beschreibung der ontologischen Totalität des Seins und dem menschlichen Vorstellungsvermögen klafft ein unüberbrückbarer Spalt. Denn das menschliche Empfinden von sich und der Welt geht nicht zur Gänze im naturwissenschaftlichen Weltbild auf. In dieser Tatsache hat die Glaubensgewissheit eines höheren Seins ihren Ursprung, die zugleich das Heilige als etwas vom gewöhnlichen Seienden getrenntes oder ausgeschiedenes beschreibt. Das Heilige ist dabei vom gewöhnlichen Seienden nicht allein graduell sondern wesensmäßig unterschieden. Das Heilige ist die Antwort auf den gefühlten Mangel an Erklärung des Selbst und des Seins.
In ihrer ganz eigenen Sprache findet die Kunst Antworten auf die Frage nach dem Heiligen. Die Installation „AB OVO“ ist dabei im Sinne einer poetischen Frage formuliert, die zugleich die Antwort in sich trägt. In seinem Handbuch der Poetik (147) hatte der römische Dichter Horaz den Ratschlag formuliert, bei jedem Werk weniger das Ganze der Geschichte als einen sinnvollen Ausschnitt im Blick zu haben. Also etwa, wie Homer dies in seiner Ilias tat, die leidenschaftlichen Handlungsmomente zum Leitfaden zu nehmen und nicht die Chronologie der Ereignisse, um die Leserschaft zu affizieren. Die Geschichte des Trojanischen Krieges also nicht mit den beiden Eiern der von Zeus begatteten Leda anzufangen, aus deren einem Helena geboren wurde, die später zur Ursache des Krieges werden sollte: „nec gemino bellum Troianum orditur ab ovo.“ Mit diesem Ei des Ursprungs, mit dem die Wendung „ab ovo“ ursprünglich sprichwörtlich wurde, eröffnet sich ein breiter Assoziationsspielraum, der zugleich die Frage nach dem Anfang impliziert, die in ihrer humoristischen Variante nach dem Vorrang von Henne und Ei fragt. Die von jedem gefühlte Frage nach Ursprung und Schöpfung klingt hier an. Hat das Sein in der empfundenen Frage nach dem Beginn seinen Anfang? Gibt es eine Welt außerhalb des eigenen Kopfes? Ist da mehr Sein im Dasein? Zumindest ist die ontologische Qualität des als Gegenüber wahrgenommenen Seienden emotional erlebbar.
Stärker als jeder intellektuellen Assoziation arbeitet die Installation „AB OVO“ der inneren Notwendigkeit zu, eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Seins zu finden. Sie fordert zur stillen Einkehr auf und dazu, über den Ursprung, die Schöpfung und das Sein nachzudenken oder besser: ihnen nachzuspüren. Diese Arbeit kann man nur erleben, nicht beschreiben, was hier dennoch versucht sei.
Die Installation „AB OVO“ entsteht im Zusammenklang von drei Objekte. Das Zentrum bildet ein ca. 1 x 0,45 Meter großes Steinei. Es handelt sich hierbei um ein in Schichten aufgebauten Basaltfindling aus dem Steinbruch Naak in der Nähe von Linz am Rhein. Basalt ist ein Lavagestein darüber hinaus ein häufiges Gestein auf allen terrestrischen Planeten und zählt zu den härtesten bekannten Steinsorten . Im Dialog zu dem Steinei steht ein ca. 140 x 70 x 10 Zentimeter von innen rot leuchtendes hölzernes Tor. Ein schwarzes Metronom auf einem abgebrochenem ca. 60 x 10 x 10 Zentimeter hohem an der Wand befestigtem Betonsockel schlägt einen langsamen Takt und erinnert den Betrachter an die Dimension der Zeit.
